Hörbuch-Review


Wenn das Leben ein Strand ist, sind Frauen das Mehr (Birbaek, Michel)



Auflage: Oktober 2004
Erscheinungsjahr: 2004
ISBN: 3-7857-1442-4
Verlag: Lübbe Audio
Genre: Hörbuch/Hörspiel

Leben im Hyperdrive: Von Augenmagneten und Texthuren

Vik ist ein vielbeschäftiger Drehbuchautor im deutschen Filmgeschäft. Sein Leben verläuft sozusagen im Hyperdrive, er sehnt sich nach Urlaub. Doch die Erwartungen seiner beruflichen Umgebung und die Wünsche seines privaten Umfelds halten ihn ständig davon ab. Schluss mit dem Aufwachen im falschen Bett! Eines Tags fährt er zum Airport und schnappt sich einen Last-Minute-Flug ("Sie müssen aber einen Monat zuvor buchen!") auf eine Insel und sucht das Meer - und das verlorene Gefühl. Um dann SIE zu finden, doch ist sie die "Richtige"? Wie erkennt man "Miss Right", wenn man sie trifft?

Der Autor

Michel Birbaek wurde zwar in Kopenhagen geboren, lebt aber in Köln und spricht perfekt Deutsch. Dass er sich in der deutschen Medienszene sehr gut auskennt, merkt man nicht nur seinem Buch an, auch seine Mitarbeit als Gagschreiber von Harald Schmidt und Stefan Raab ist ein wichtiger Indikator für seine Beherrschung des Sprachwitzes. Wie sein Held Viktor ist er Drehbuchautor. Im Buch "Wenn das Leben ..." wird hin und wieder ein Film mit dem ellenlangen Titel "Was mich fertig macht, ist nicht das Leben, sondern die Tage dazwischen" erwähnt. Davon habe ich noch nie gehört, aber Birbaek hat jedenfalls die literarische Vorlage dafür geschrieben und ebenfalls bei Lübbe veröffentlicht. Der Autor liest sein Buch selbst und macht, wie ich finde, einen sehr guten Job dabei (keine Lacher und Versprecher!). Die Regie führte Kerstin Kaiser. Die poppige Intro- und Abspannmusik stammt von Michael Marianetti.

Mein Eindruck

Zu Anfang rätselt man daher noch, wer dieser Vik eigentlich ist, was er für einen Beruf hat und wo all diese Frauen - gro_e wie kleine - herkommen, sogar die Geister. Stattdessen sieht man sich überspitzt formulierten Betrachtungen über Promis, die Medien, die so genannten "Medienmacher" und das Kino im Allgemeinen und Besonderen gegenüber. Da gibt es ein paar herrliche One-liner und Aper¡us. Diese Kunst hat der Autor ja für Schmidt (leicht erkennbar als "Mr. Late Night") und Raab ("die unvermeidlichen Viva-Moderatoren") perfektioniert.

Keine Jammerorgie

Aber keine Bange! "Wenn das Leben ..." ist keineswegs eine nörgelige Jammerorgie, wie stressig und frustrierend doch das Medienleben sei, sondern ein Reihe sehr anschaulich beschriebener und besonders beim zweiten Anhören bewegender Begegnungen mit - Frauen, was sonst? Dieser Vik kann zuhören, schon klar, ein richtiger Frauenversteher, womöglich sogar ein Weichei, aber doch kein Schwuler. Schön erotische Sexszenen sind hier durchaus zu finden, und nicht zu knapp. Wer ist denn nun "die Richtige"? Muss sich Vik wie Schillers klassische Helden (Piccolomini in "Wallenstein") zwischen der erfrischenden Liebe zu Lena (= Neigung) und seiner Pflicht gegenüber Jasna und deren Mutter entscheiden? Herrje, wird man sich nun sagen, die kulturelle Entwicklung bietet doch inzwischen sicher auch ein paar andere Entscheidungsmodelle an, oder? Da hilft nur eines: selber lesen bzw. hören!

Still crazy ... (Sprache)

Es ist schon merkwürdig, aber die Geschichte hat mich an mehreren Stellen an Benjamin Leberts Roman "Crazy" erinnert. Das Buch wurde verfilmt, mit Robert Stadlober, wenn ich mich recht erinnere. Auch hier geht es um die Entdeckung der "Richtigen" beziehungsweise der Erotik an sich, Quickie-Sex und Münchner Sex-Show inklusive. Wichtiger noch ist aber die Kommentierung des Lebensgefühls einer Generation und zwar in einer Sprache, die dieser angemessen ist. Birbaek erfindet zahlreiche sprachliche Ausdrücke oder bringt entlehnte Ausdrücke so an, dass sie wie neu funkeln. Ein Wort wie "Lovesound" ist ebenso wunderschön wie passend, um die nonverbalen Éu_erungen von Liebenden während des Aktes zu bezeichnen, besonders aus weiblichem Munde. Ebenso schön ist der Ausdruck "Augenmagneten", die für Patrizias Augen, und "Minimagneten", die für Yasnas junge Augen gelten. Jeder wei_, was damit gemeint ist. Etwas weniger schön ist Nils' Ausdruck "meine Texthuren". Damit meint der Regisseur - hoffentlich ironisch - die Autoren, die ihm das Drehbuch erstellen und je nach Bedarf umschreiben (müssen). Ich schätze mal, auch Gagschreiber könnte man mit diesem ironischen Ausdruck belegen. Ebenso ironisch ist der Fachausdruck "Helfersyndrom" zu werten. Fast jede von Viks Frauen appelliert an seinen Instinkt, der Lady zu helfen, und zwar selbst dann noch, wenn er emotional erpresst wird. Und dabei wollen sie meistens sein Geld: egal ob es um Steuerschulden geht oder um das Sorgerecht für Yasna. Vik erkennt den Vorgang genau als das, was er ist. Er hilft dennoch. Denn wenn's um Freunde und Kinder geht, kennt Not kein Gebot. Diese sprachliche Frische und Lebendigkeit in Verbindung mit der anschaulichen Schilderung hielt mich die ganze Zeit von vier Stunden über bei der Stange. Hey man, schon lange keine so spannende und anrührende Lovestory mehr gehört. Am liebsten würde ich jetzt noch das Buch lesen.

Der Autor als Sprecher

Dass Autoren ihre eigenen Texte lesen, ist zwar keineswegs unbekannt, aber immer noch eher die Ausnahme. Das liegt an zwei Gründen. Zum einen stammen die meisten als Hörbücher produzierten Texte von angelsächsischen AutorInnen, die leider kein Deutsch können (und es auch gar nicht nötig haben). Zweitens ist die Erfahrung, einen deutschsprachigen Autor seinen eigenen Text vorlesen zu hören, nicht immer das Goldene vom Ei. Der Autor neigt eben dazu, selbst zu werten oder auf seinen Text bereits zu reagieren, statt die Reaktion ausschlie_lich dem Hörer zu überlassen. Auch Birbaek schrammt haarscharf an dieser Grenze entlang. Besonders im letzten Drittel liest er die lustigen Yasna-Szenen mit einem kaum unterdrückten Lachen in der Kehle. Das kann man ihm als Mensch keineswegs verdenken, doch der Hörer sollte dieses Lachbedürfnis selbst in sich entdecken, indem der Text es in ihm weckt. Zum Glück gelingt Birbaek auch dies. Wenn Vik seine komatös pennende Yasna wieder einmal mit dem Satz "Brad Pitt putzt sich dreimal täglich die Zähne" weckt (etwas anderes funktioniert nicht), so ist dies ein Verweis auf die erste Yasna-Szene, die genau damit begann. Das zaubert ein Lächeln des Wiedererkennens ins Gesicht des Hörers.

Unterm Strich

Die vier Stunden Hörzeit vergingen wie im Flug. Es war nett und interessant, so viele unterschiedliche Menschen kennen zu lernen, besonders die Frauen - und dazu zählt ganz besonders auch die achtjährige Yasna. Das Buch ist gleicherma_en ein Generationenporträt und die Abrechnung mit dem aktuellen Stand des deutschen Filmgeschäfts. Dabei benutzt der Autor nicht ausgelutschte Sprachklischees, sondern ganz bewusst auch neue Prägungen wie etwa "Lovesounds" (oder habe ich da was verpasst?), setzt viel Ironie ein ("Helfersyndrom", "Handtuch-Roulette" und "Texthuren"), respektiert aber die Wünsche und Erwartungen von Kindern und ihren Müttern. Dabei geht der "Held" Viktor keineswegs leer aus, sondern kriegt die Kurve mit neuem Schwung, neuen Erkenntnissen und neuem Glück. Der Schluss der Story lässt den Hörer mit einem zufriedenen Lächeln zurück. Genau im Sinne des Autors: Der ist Lachfaltenfan. Welche nun Miss Right ist und wie man sie erkennt? Das müsst ihr schon selbst lesen oder hören!

Umfang: 242 Minuten auf 4 CDs

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